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Darth Vader - Aufstieg und Fall

Darth Vader - Aufstieg und Fall
LESEPROBE
Panini

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Deutsche Ausgabe 2008 by Panini Verlags GmbH,

Rotebühlstraße 87,70178 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

 

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PROLOG

Darth Vader, der Dunkle Lord der Sith, träumte. In seinem Traum sah er seine dunkle Silhouette auf der offenen Terrasse stehen, die sich an die gebogene Außenwand von Bast Castle lehnte. Seine persönliche Festung auf dem Planeten Vjun. Eisig kalter, saurer Regen prasselte auf seinen Helm und heftige Winde zerrten mit ungeheuerlicher Macht an seinem schwarzen Umhang, als trachte das Wetter danach, ihn zusammen mit allem anderen zu töten, das auf diesem öden Planeten zu leben versuchte. Und doch fühlte Vader sich so lebendig wie seit Jahren nicht mehr.
Er wandte sich von der Terrasse ab und ging durch einen Torbogen hinein. Auf dem Boden hinterließ er eine Spur nasser Stiefelabdrücke. Die Wände waren mit automatischen Heizungsgebläsen versehen, die seine Kleidung trockneten, während er zum spärlich beleuchteten Observatorium schritt. Und obwohl nur wenige diese Festung jemals betreten hatten, war er nicht überrascht den jungen Mann vorzufinden, der in der Mitte der kuppelförmigen Kammer stand. Luke Skywalker.
Luke stand in eng anliegender, schwarzer Kleidung mit dem Rücken zu Vader und betrachtete die dreidimensionale Sternenkarte, die über einem Holoprojektor in der Luft hing. Vader erkannte in der Karte den Coruscant-Sektor wieder. Lukes Arme hingen seitlich herab und Vader fiel auf, dass Lukes rechte Hand, die in einem schwarzen Handschuh steckte, beinahe das Lichtschwert berührte.
Ein neues Lichtschwert, dachte Vader. Und eine neue Hand. Vader ging lautlos wie ein Schatten in den Raum hinein. Luke, der von Vader keine Notiz nahm, streckte seinen rechten Arm in das holografische Sternenfeld. Er bewegte seine kybernetischen Finger durch die winzige, glitzernde Kugel, die den Planeten Coruscant repräsentierte.
„Der Imperator ist tot“, sagte Luke leise. „Alles, was sein war ist nun dein.“ „Nein, mein Sohn“, erwiderte Vader. „Die Galaxis gehört uns.“ Luke nickte und lächelte. Vader wandte sich immer noch Luke zu, als eine tiefe, vertraute Stimme unerwartet hinter ihm zu murmeln begann. „Ihr … täuscht euch beide.“ Es war die Stimme von Imperator Palpatine. Vader sah, wie sich Lukes Züge anspannten, doch er drehte sich nicht zum Imperator um. Dann begann der Imperator zu lachen. Ein Kreis aus Feuer brach aus dem Boden, umgab Vader und trennte ihn von Luke. Vader lauschte dem Kichern seines Meisters, senkte den Helm und dachte: Wieso sterbt Ihr nicht einfach?
Das Lachen hielt an. „Er kann nicht am Leben sein!“, sagte Luke. „Vater, hilf mir!“ Das Feuer um Vader brannte nach innen, züngelte sich näher an seinen Körper heran. Vader versuchte unter seinem Helm das fürchterliche Lachen abzublocken. Wieso sterbt Ihr nicht endlich?
Doch das Lachen verstummte nicht. Vader versuchte nach seinem eigenen Lichtschwert zu greifen, aber sein Arm fühlte sich plötzlich an, als bestünde er aus Stein. Die Flammen leckten jetzt schon an seinem Umhang und seinen Stiefeln. Der Imperator lachte lauter. Luke begann zu schreien. Vader kniff die Augen zu. Er roch verbrannte Schaltkreise und verkohlte Haut. WIESO STERBT IHR NICHT …? Dann wachte Vader auf.
Darth Vader riss die Augen auf. Er saß in seiner unter Druck stehenden Meditationskammer an Bord seines persönlichen Supersternenzerstörers, der Executor. Sein erster wacher Gedanke war: Jedi haben keine Albträume. Dieser Gedanke überraschte ihn beinahe so sehr wie die Intensität der Bilder von Bast Castle. Es war über zwanzig Jahre her, dass er sich vom Jedi-Orden losgesagt hatte, um ein Sith-Lord zu werden. Und in all den Jahren hatte er niemals darüber nachgedacht, ob Jedi Albträume hatten – oder überhaupt Träume. Nicht seit dem Ende der Klonkriege.
Vielleicht war es eine Vorahnung, sinnierte Vader, als eine Ader an der linken Seite seines kahlen, abscheulich vernarbten Schädels zu pochen begann. Er verwarf den Gedanken schnell wieder. Er erkannte eine Vorahnung, wenn er eine hatte und wusste, dass es sich hierbei um nichts anderes als ein Trugbild der Fantasie handelte, das sich mit unterbewussten Begierden mischte. Aber diese Vision von seiner Festung war etwas anderes gewesen.
Vielleicht eine Warnung, aber von wem? Vader zog die Möglichkeit in Betracht, dass die Vision von einem fähigen Telepathen in seinen Verstand eingepflanzt worden war. Die Vorstellung, dass man telepathisch vielleicht in ihn eingedrungen war, machte ihn zornig und sein Zorn machte ihn empfänglich für die Dunkle Seite der Macht. Er schloss die Augen, griff nach der Macht und suchte nach Spuren übersinnlicher Energie, die zu einem telepathischen Eindringling führen konnten. Er fand jedoch nichts und niemanden …
Aber der Imperator würde auch keine Spur hinterlassen … Vader verzog das Gesicht. Seit seiner letzten Begegnung mit Luke Skywalker auf Cloud City war ein Jahr vergangen. Damals hatte er sich als dessen Vater zu erkennen gegeben und ihm prophezeit, dass es sein Schicksal sei, den Imperator zu vernichten. Vader hegte den Verdacht, dass der Imperator von seinem Verrat wusste. Denn letzten Endes wusste der Imperator alles. Doch selbst wenn der Imperator über all das Bescheid wusste, was hinausgesickert war, würde er sich, davon war Vader überzeugt, nicht bedroht fühlen. Der Imperator war einfach zu mächtig. Dennoch spürte Vader, dass der Imperator mit dieser eigenartigen Vision von Bast Castle nichts zu tun hatte. Konnte es nicht einfach ein Traum gewesen sein? Vader war sich nicht sicher. Nach so vielen traumlosen Jahren, hatte er vergessen, wie Träume überhaupt waren.
Über seinem bleichen Kopf hielt ein einfahrbarer Roboterarm seinen Helm nahe der Decke der kugelförmigen Kammer. Fest zugeordnete Servomotoren senkten den Helm auf seinen Kopf und schlossen den hermetischen Verschluss am Kragen. Als seine beschädigten Lungen durch das Lebenserhaltungssystem seines gepanzerten Anzugs ausatmeten, drang ein tiefes Zischen aus seinem dreieckigen Atmungsventil. Die obere Hälfte der Meditationskammer hob sich und gab Vader frei wie einen schwarzen Blütenstempel inmitten einer weißen, mechanischen Blume. Sein Sessel drehte sich und gestattete ihm einen Blick auf einen Bildschirm, auf dem soeben das Abbild Admiral Pietts auf der Brücke der Executor aufleuchtete.
„Statusbericht“, forderte Vader. „Die Executor ist bereit, Coruscants Orbit zu verlassen“, erwiderte Piett. Er stand in Habachtstellung und grau uniformiert da. Obwohl seine Stimme aufgeweckt klang, wirkten seine Augen müde vom andauernden Starren auf Sensoren, Displays und Navigationsmonitore. „Ich erwarte Ihren Befehl.“ „Setzen Sie Kurs auf das Endor-System“, befahl Vader.
„Wie Sie wünschen, mein Lord.“ Pietts Gesicht verschwand von dem Schirm. Es war definitiv kein Traum, überzeugte sich Vader selbst ohne Schwierigkeiten. Träume sind etwas für lächerliche Lebensformen. Er starrte sein Spiegelbild auf der Oberfläche des Bildschirms an. Ich bin ein Albtraum.
Mit einer unmerklichen Bewegung stellte er den Bildschirm auf das Sternenfeld um, das direkt vor dem Bug der Executor lag. Und während er so auf die fernen Sterne auf dem Schirm starrte, drängte sich eine tief vergrabene Erinnerung in sein Bewusstsein. Es war die Erinnerung an einen Wunsch – den Wunsch, jeden Stern in der Galaxis einmal zu besuchen. Doch dieser Wunsch und die Träume, die damit zusammenhingen, hatten jemand anderem gehört. Einem Kind, das vor langer Zeit gelebt hatte und nicht mehr existierte. Es waren die Träume eines kleinen Jungen namens Anakin Skywalker gewesen.

KAPITEL EINS

Anakin Skywalker träumte. In diesem Traum war er ein älterer Junge, jedoch immer noch Jahre vom Erwachsensein entfernt. Er saß im Cockpit eines kleinen Repulsorlift-Fahrzeugs und raste mit unmäßig hoher Geschwindigkeit über felsiges Terrain hinweg. Zwei starke Leinen waren an einem Paar langer, paralleler Triebwerke vor dem Fahrzeug befestigt und deren Zwischenraum überbrückte ein Brocken aus knisternder Energie. Anakin hatte noch nie zuvor eine solch eigenartige Konstruktion gesehen, trotzdem wusste er irgendwie, wie er damit umgehen musste. Als er den Gashebel drückte und sich in eine tiefe Schlucht stürzte, wurde ihm klar: Ich bin ein Pilot!
Er war nicht allein. Mehrere ähnliche Fahrzeuge flogen vor ihm in der Schlucht. Der Lärm ihrer Antriebsaggregate, hallte ohrenbetäubend von den Felswänden wider. Es ist ein Rennen!
Anakin beschleunigte mit furchtloser Präzision und schoss an den anderen Fahrzeugen vorbei. Aus den Augenwinkeln erhaschte er flüchtige Blicke auf seine Gegner. Die meisten waren fremde Wesen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Doch sie alle zeigten angespannte, entschlossene Mienen und flinke Finger. Anakin hatte schon zuvor von anderen Welten geträumt, aber noch nie auf diese Weise. Anakin jagte aus der Schlucht hinaus und führte die anderen Teilnehmer des Rennens über die weiten Wüstenebenen. Eine Zwillingssonne brannte am Himmel und hatte den Sand so fest verbacken, dass die aufsteigende Hitze die Luft zum Flimmern brachte und die fernen Felsformationen aussehen ließ, als schwebten sie knapp über der Planetenoberfläche. In der Ferne erblickte er eine riesige, offene Arena. Sie war von dicht bevölkerten Tribünen und Türmen mit Kuppeldächern umgeben. Er wusste, dass sich in dieser Arena die Ziellinie befand. Er umfasste die Steuerung fester. Ich werde gewinnen!, dachte er. Plötzlich begann sein linkes Triebwerk zu erschaudern und heftig an der Leine zu zerren, die es mit der Pilotenkapsel verband. Anakin musste um die Kontrolle kämpfen, als sein rechtes Triebwerk ein lautes Heulen ausstieß, bevor beide Turbinen die Nase zum Boden zu kippen begannen. Anakin drehte und wand sich im Cockpit und schrie: „Nein!“
„Alles ist gut, Ani“, beruhigte ihn die Stimme seiner Mutter. Dann wachte Anakin Skywalker auf. Das bebende Gefühl und das laute Heulen eines Triebwerks hörte nicht auf, als Anakin die Augen öffnete. Denn er saß neben seiner Mutter auf einer harten Metallbank im Frachtraum eines Lastenkreuzers. Den Raum trennte nur ein Gewirr von Metallstangen vom lauten Maschinenraum. Er war dicht besetzt von lauter schmutzigen weiteren Wesen, sowohl Menschen als auch anderen Spezies. Wer keinen Sitzplatz auf einer der vier langen Bänke hatte, der stand entweder oder hockte auf dem dreckigen Boden.
Anakin sah zum bleichen, schmutzigen Gesicht seiner Mutter auf und fragte: „Landen wir?“ „Es fühlt sich so an“, antwortete Shmi Skywalker lächelnd. Sie strich Anakin sanft die blonden Haare aus der Stirn und sah ihm in seine blauen Augen. „Hattest du einen bösen Traum?“
Anakin dachte einen Augenblick lang nach. „Nicht allzu böse.“ Er wünschte, der Frachtraum hätte irgendein Fenster gehabt oder auch nur einen kleinen Bildschirm, sodass er hätte sehen können, was draußen vor sich ging. „Wissen wir schon, wohin wir unterwegs sind?“ „Noch nicht.“
Bevor sie an Bord des Frachters gegangen waren, hatte ihnen ein Mitglied der Mannschaft erklärt, dass nur zahlende Passagiere ihr Reiseziel im Voraus erfahren durften und alle anderen aus Sicherheitsgründen warten mussten. Shmi hatte gehofft Anakin ein besseres Gefühl zu geben, indem sie ihm erzählt hatte, sie hätte Überraschungen schon immer gemocht. Doch er spürte, dass sie Angst hatte. Sie nahm seine kleine Hand in die ihre und sagte: „Halt dich einfach fest.“ Nachdem der Frachter aufgehört hatte sich zu schütteln und das Heulen des Antriebs abgestorben war, erhoben sich die Insassen des Frachtraums von den Bänken und vom Boden. Anakin, der neben seiner Mutter stand, als die sich die zerlumpte Tasche mit ihren wenigen Habseligkeiten auf den Rücken schnallte, wünschte sich, er wäre größer, sodass er sich zwischen den Körpern der Erwachsenen nicht so eingequetscht fühlen müsste. Außerdem wünschte er sich frische Luft, da der einzige Erfrischer verstopft war und jedermann hier widerlich roch. Sie warteten bereits mehrere Minuten an der Ausstiegsluke. Als diese sich öffnete, beugte sich Shmi zu Anakin hinab. „Soll ich dich tragen?“
Anakin hatte keine müden Beine, dennoch nickte er. Shmi achtete darauf, dass sie keines der umstehenden We15 sen anrempelte, hob ihren Sohn an und hielt ihn dicht vor ihrer Brust. Er legte ihr die kleinen Arme um den Hals und sagte: „Danke.“
„Du wirst groß“, sagte sie zu ihm. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann wirst du mich tragen.“ „Wirklich?“ Shmi lachte. „Keine Sorge, so schnell wächst du dann doch nicht.“
Eine ältere Frau hinter Shmi lächelte Anakin zu. „Wie alt bist du?“, fragte sie. Anakin lächelte zurück und hob drei Finger. Er war sich in Wirklichkeit gar nicht sicher, ob er drei Jahre alt war, er wollte jedoch nicht zugeben, dass er es nicht wusste. Endlich öffnete sich die Luke. Eine Welle heißer, trockener Luft flutete das Abteil. Selbst diejenigen, die begierig darauf gewesen waren den engen Frachtraum zu verlassen, zögerten plötzlich die Rampe zu betreten, die nach draußen führte. Die Hitze erinnerte Anakin an seinen Traum. Er näherte seine Lippen dem Ohr seiner Mutter. „Eine Zwillingssonne“, flüsterte er.
Bevor Shmi fragen konnte, wovon er sprach, rief unten eine Stimme: „Los, kommt raus!“ Die Wesen verließen eines nach dem anderen den Frachter. Sie fanden sich auf einem Fleck sandigen Lands in der Nähe einer Gruppe von einfachen Lehmbauten mit Kuppeldächern wieder. Der Luftverkehr ließ darauf schließen, dass sie am Rand eines recht geschäftigen Raumhafens gelandet waren. In der Ferne sah man ein paar Fußgänger. Sie bewegten sich langsam und hielten sich im Schatten der fensterlosen Gebäude, um der glühenden Hitze zu entgehen.
„Willkommen zurück in Mos Espa, oh mächtige Gardulla“, bellte eine Stimme in breitestem Huttisch. Anakin, der immer noch von seiner Mutter getragen wurde, drehte den Kopf und sah, dass der Sprecher ein grünhäutiger, männlicher Rodianer war. Er stand am Fuß der Rampe, die aus der Hauptluke des Frachters führte. Während der Rodianer eine ausladende Verbeugung vollführte, glitt Gardulla die Hutt – das riesige, echsenhafte Wesen, das den Frachter gechartert hatte – auf einem Repulsorschlitten aus der Hauptluke die Rampe hinunter. Gardulla begann sofort damit, ihrem Gefolge Befehle zu erteilen. Anakin verstand genügend Huttisch, um zu begreifen, dass Gardulla begierig darauf war etwas zu sehen, das sich Podrennen nannte.
Shmi setzte Anakin am Boden ab. Er sah blinzelnd in den Himmel. „Siehst du, Mom? Ich hab’s dir doch gesagt.“ Shmi folgte seinem Blick zu den beiden Sonnen über ihnen und jetzt begriff sie, was er vor wenigen Augenblicken gemeint hatte. „Eine Zwillingssonne. Ja, ich sehe es.“ Anakin wollte seiner Mutter von dem Traum erzählen, den er gehabt hatte. Aber als einer von Gardullas Dienern, ein langhalsiger Anx, Anweisungen zu blöken begann, mussten sie ruhig sein. Der Anx deutete auf Anakin, Shmi und sechs andere Wesen und sagte: „Ihr bekommt eine gemeinsame Unterkunft auf Gardullas Anwesen, hier in Mos Espa. Bevor man euch dorthin bringt, müsst ihr wissen, dass die euch eingepflanzten Transmitter so eingestellt sind, dass …“
Anakin fragte sich gerade, ob Unterkunft mehr als ein Zimmer bedeutete, als der laute Knall einer Blasterpistole, der so klang, als käme er von den nahe liegenden Lehmbauten, den Anx unterbrach. Anakin blieb angesichts des Knalls ruhig stehen, während alle anderen um den Frachter zusammenzuckten, sich duckten oder hinter die wenigen Frachtcontainer, die bereits ausgeladen waren, in Deckung hechteten. Shmi warf sich schützend vor ihren Sohn. Doch der streckte die Arme nach vorn und schob sie weg, damit er sehen konnte, was vor sich ging.
Ein reptiloider Humanoide schoss aus einer Gasse zwischen zwei Lehmbauten hervor und rannte auf den Frachter zu. Als der Fliehende näher kam, sah Anakin, dass es sich um einen schlanken Arconier mit ambossförmigem Kopf und durchsichtigen, marmorierten Augen handelte. Eine Metallmanschette mit einer langen, abgerissenen Kette war am rechten Fußgelenk des Arconiers befestigt und verursachte ein schepperndes Geräusch, als sie hinter seinen laufenden Füßen hin und her peitschte. Einen Augenblick später kamen zwei mit Blastern bewaffnete Männer aus der Gasse und Anakin wurde klar, dass der Arconier um sein Leben rannte.
Als Gardullas Diener sah, dass die Männer drauf und dran waren, in Richtung des Frachters zu schießen, blaffte er: „Nicht schießen, ihr Narren!“ Dann deutete er mit seinen langen, spitzen Fingern auf den flüchtenden Arconier und rief Gardullas Wachen zu: „Haltet ihn!“
Die Wachen schwärmten sofort aus. Der Arconier stieß, ohne das Tempo zu verringern, eine davon mit dem Ellenbogen weg und wich einer anderen aus. Anakin erkannte zwar, dass der Arconier von seinen Verfolgern wegkommen wollte, aber er hatte keine Ahnung, wohin er zu fliehen versuchte. Abgesehen von ein paar niedrigen Dünen war das umliegende Land vollkommen flach und es waren keinerlei andere Schiffe oder Fahrzeuge in Sicht. Keine Möglichkeit zum Verstecken, dachte Anakin.
Der verängstigte Blick des Arconiers zuckte zu Anakin. Der erwiderte ihn. Anakin empfand Mitleid für den Arconier und wünschte, ihm helfen zu können. Dann machte eine von Gardullas Wachen einen Satz nach vorne und der Arconier rannte davon, an Anakin und den anderen vorbei. Er war vielleicht zwei Meter von Anakin entfernt, als sein Körper in einer kleinen Explosion verging.
Anakin blinzelte, als die Überreste des Arconiers zu Boden fielen. Er drehte sich schnell um und sah nach den beiden Männern, die den Arconier gejagt hatten. Keiner von ihnen hatte einen Blaster abgefeuert. Der Junge war aufmerksam genug, um zu verstehen, dass man den Arconier nicht erschossen hatte, sondern dass irgendein Sprengmechanismus in seinem Innern explodiert war. Shmi zog ihren Sohn näher zu sich. „Sieh weg, Anakin“, riet sie ihm.
Anakin ignorierte sie und sah weiter zu den Überresten des Arconiers hinüber. Ein paar der Wachen und der Anx gingen hin, um die schwelende Sauerei zu inspizieren. Als der Anx Anakin bemerkte, wandte er sein langes, spitzes Kinn in seine Richtung und sagte: „Das passiert mit Sklaven, die von Tatooine fliehen wollen.“
Anakin spürte, wie seine Kehle auf schmerzhafte Weise trocken wurde. So oft ihm seine Mutter auch klarmachte, dass es in der Galaxis Wesen gab, die noch mehr Pech hatten – hatte es keinen Zweck, den Umstand zu verleugnen, dass sie beide Sklaven waren, Eigentum von Gardulla der Hutt. Tatooine, dachte Anakin. Willkommen auf Tatooine.

KAPITEL ZWEI

Die Sklaverei war im gesamten Hoheitsgebiet der Republik illegal. Der Planet Tatooine lag jedoch im Territorium des Outer Rim, wo die Gesetze der Republik kaum Anwendung fanden.
Shmi Skywalker hatte fast ihr ganzes Leben als Sklavin verbracht – seit ihre Familie auf einer Raumreise von Piraten gefangen genommen worden war. Sie war schon als kleines Kind von ihren Eltern getrennt worden und hatte bereits mehrfach die Besitzer gewechselt. Eine ihrer ehemaligen Meisterinnen, Pi-Lippa, war nett gewesen und hatte Shmi wertvolle technische Fertigkeiten beigebracht. Pi-Lippa hatte vorgehabt, Shmi freizulassen. Leider war sie vorher gestorben und so war Shmi in den Besitz ihrer Verwandten gekommen, die sie nicht freilassen wollten.
Bevor sie in Gardullas Besitz gekommen war, hatte Shmi Anakin zur Welt gebracht. Shmi konnte sich Anakins Empfängnis nicht erklären – es gab keinen Vater – doch sie akzeptierte ihn als das größte Geschenk, das ihr jemals gemacht worden war. In den Monaten nach der Ankunft auf Tatooine hielt Anakin Augen und Ohren offen. Er belauschte Unterhaltungen zwischen Gardullas Dienern, Wachen und anderen Sklaven und er sah aufmerksam zu, wenn Mechaniker und Techniker kamen, um vom Sand beschädigte Maschinen zu reparieren. Er wollte alles über diese Wüstenwelt lernen, das es zu lernen gab. Über ihre Einwohner und ihre Technologien, denn er war der Überzeugung, dass ein solches Wissen der einzige Weg war, seine Mutter und ihn in Freiheit zu bringen.
So hatte er von den frühen Siedlern Tatooines gelernt, von den Bergleuten, deren Suche nach wertvollen Mineralien als astronomisch teure Enttäuschung geendet hatte. Einige der Bergleute hatten sich freiwillig dafür entschieden auf dem Wüstenplaneten zu bleiben, während andere einfach festsaßen. Eine der ersten menschlichen Siedlungen war ein Ort namens Fort Tusken gewesen, der von Tatooines eingeborenen Humanoiden angegriffen wurde, den nomadisierenden Sandleuten, die daraufhin den Namen Tusken-Räuber bekommen hatten. Die Sandleute, die traditionelle Keulen und Streitäxte als Waffen bevorzugten, trugen sanddichte, den Kopf umschließende Masken und schwere Mäntel, die sie vor den Elementen schützten und ihnen in der Landschaft Tarnung ermöglichten. Die Sandleute hatten sich niemals an einen einfachen Kontakt mit den Siedlern gewöhnt und hatten den Ruf, ebenso wild wie rätselhaft zu sein. Anakin musste erst noch welche zu Gesicht bekommen. Man hatte ihm gesagt, dass es ihr Geheul war, das manchmal nach Einbruch der Dunkelheit zu hören war. Es ließ ihm beinahe das Blut gefrieren. Tatooines andere bedeutsame Ureinwohner waren die Jawas.
Sie waren winzige Wesen mit leuchtenden Augen, die riesige Fahrzeuge geborgen hatten, die von den Siedlern zurückgelassen worden waren. Sie verwendeten sie dazu, durch die Wüste zu ziehen und jedes Stück Metall, jeden Fetzen Müll einzusammeln, den man in Verkaufsgüter oder in Handelsgüter umwandeln konnte. Obgleich Jawas beinahe so übel rochen wie ein verstopfter Erfrischer, freute sich Anakin immer auf ihre Besuche auf Gardullas Anwesen, weil er eine Menge lernen konnte, indem er ihnen bei der Arbeit zusah. Sehr zum Erstaunen der anderen Sklaven und ein paar der Diener, hatte Anakin schon bald den Ruf, ausgemusterte Apparate wieder in Gang bringen zu können.
Was Gardulla anbetraf, so bekam Anakin schnell mit, dass sie mit einem noch größeren Hutt namens Jabba um die Kontrolle verschiedener Unternehmungen auf Tatooine wetteiferte. Anakin entdeckte außerdem, dass Gardulla unliebsame Zeitgenossen an ihren monströsen Krayt-Drachen verfütterte, den sie in einer Grube unter ihrem festungsartigen Palast in der Nähe der Hauptdurchgangsstraße von Mos Espa hielt – und dass sie wettsüchtig auf Podrennen war. Anakin war keineswegs scharf darauf, die Bekanntschaft irgendwelcher Krayt- Drachen zu machen. Er war jedoch fasziniert von allem, was er über den gefährlichen Hochgeschwindigkeitssport hörte, der sich um ein paar Repulsorlift-Antriebe drehte, die an einem Fahrzeug mit offenem Cockpit befestigt waren. Das erste Mal, als er zufällig zwei Diener Gardullas über die Konstruktion eines Podrenners diskutieren hörte, den sie gesehen hatten, war ihm der Traum wieder eingefallen, den er kurz vor seiner Ankunft auf Tatooine gehabt hatte. Den Dienern zufolge waren die Podrennen die größte Attraktion in Mos Espa und zogen Zuschauer aus der gesamten Galaxis an. Anakin fragte sich, ob er wohl jemals ein Podrennen zu Gesicht bekommen würde. Ein paar Monate nach seiner Ankunft in Mos Espa half Anakin einem Droiden-Mechaniker neuester Bauart bei der Reparatur eines tragbaren Evaporatoren in der Nähe des Eingangs des Anwesens, als ein geflügelter Toydarianer mit rundem Bauch und einer biegsamen Rüsselnase in den Hof geflogen kam. Als der Toydarianer den Jungen erblickte, hielt er in der Luft schwebend inne und sah sich Anakins Werk an. „Du hast die Wasserpumpe falsch herum eingebaut“, sagte der Toydarianer mit einer tiefen, heiseren Stimme auf Huttisch.
Man hatte Anakin angewiesen, nicht mit Fremden zu reden, aber er erwiderte vorsichtig: „Ich habe sie abgeändert.“ Als er sah, dass der Toydarianer ernsthaft interessiert zu sein schien, führte er ihm den Pumpenmechanismus vor und fügte hinzu: „So funktioniert sie besser.“
Die Augen des Toydarianer weiteten sich, als er die Pumpe sauber laufen sah. „Hmmm … wer hat dir gezeigt, wie man sie abändert?“ „Niemand“, sagte Anakin. Seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle nicht angeben, dennoch konnte er nicht anders als stolz zu sein. „Ich habe … ich habe es einfach herausgefunden. Meine Mom kann auch Sachen reparieren.“
„Ach wirklich?“ Der Toydarianer sank herab, um das Gerät genauer in Augenschein zu nehmen. „Du bist nicht schlecht mit den Händen, Junge“, sagte er. „Wirklich nicht schlecht.“ Anakin senkte leicht den Kopf. „Danke, Sir“, sagte er. „Ich habe eine Verabredung mit Gardulla“, sagte der Toydarianer. Dann zwinkerte er Anakin zu, rieb sich die klauenbewehrten Finger und fügte hinzu: „Eine Geldangelegenheit!“ Anakin wusste nicht, was er darauf antworten sollte, doch in diesem Augenblick hievte Gardulla ihren massigen Körper in die Eingangstür. „Bringst du die Rückzahlung, Watto?“ „Vielleicht, vielleicht“, sagte der Toydarianer, als er auf Gardulla zuschwebte. „Aber morgen ist das nächste Rennen und ich habe eine Idee für eine neue Wette …“ Anakin sah zu, wie der Toydarianer Gardulla in das Hauptgebäude folgte und machte sich wieder an die Arbeit an dem Evaporator.
Gardulla verlor ihre Wette mit Watto. Zwei Tage später hatten Anakin und Shmi einen neuen Besitzer. Wenn sich Watto nicht gerade mit Wetten beschäftigte, betrieb er einen sehr erfolgreichen Ersatzteilhandel in Mos Espa. Er hatte Bedarf an jemandem mit Anakins mechanischer Fingerfertigkeit, und auch für Shmi fand er genügend Arbeit. Mutter und Sohn waren Watto beide dankbar dafür, dass er sie nicht getrennt hatte und nachdem sie auf Gardullas Anwesen ein armseliges, stinkendes Zimmer mit sechs anderen Sklaven geteilt hatten, waren sie erstaunt zu erfahren, dass sie in Slave Quarters Row, der Straße mit Sklavenbehausungen am Rand Mos Espas, eine komplette Hütte für sich allein haben würden. Watto war natürlich der Meinung, sie müssten auch dankbar sein und betonte, dass er die Hütte bis zum Anschlag mit weiteren Sklaven füllen würde, falls sie nicht taten, was man ihnen sagte.
So wurden aus Tagen Wochen und aus Monaten Jahre. Anakin machte das Beste aus der Zeit und lernte so viel er konnte über Technologie und interstellare Raumfahrt. Er studierte die Außenweltler, die auf der Durchreise nach Mos Espa kamen und lernte die sesshaften Händler auf du und du kennen. Er setzte sich in die Cockpits verschrotteter Raumschiffe und brachte sich die Steuerungselemente für Raketen, Stabilisatoren und Repulsoren bei. Und indem er anderen Mechanikern und Pit-Droiden zusah, wurde er in Wattos Laden im Laufe der Zeit immer bewanderter in der Reparatur von Podrennern. Im Alter von sieben Jahren begann er heimlich Teile und Stücke aus dem Laden zu schmuggeln, um ein verschrottetes Podrenner-Cockpit und zwei Radon-Ulzer 620C-Triebwerke zu reparieren, aus denen er hoffte seinen eigenen Podrenner bauen zu können. Er verbarg das Projekt unter einer alten Plane in einer Ecke der öffentlichen Müllkippe, hinter den Sklavenunterkünften, wo Watto niemals hinkam und er ließ den Podrenner absichtlich so aussehen, als würde er niemals laufen. Wenn Watto ihn jemals finden würde, würde er ihn als irgendein kindisches Projekt abtun.
Irgendwann erwischte Watto Anakin wirklich dabei, wie er mit dem wiederhergestellten Podrenner eine Testrunde auf dem Müllplatz flog. Aber die Wut des Toydarianers verflog, als er sah, wie gut der Junge das Fahrzeug im Griff hatte. Wie Gardulla, so war auch Watto wettsüchtig auf Podrennen und er konnte sein Glück kaum fassen, einen Sklaven zu besitzen, der auf der Rennstrecke Gewinne einspielen konnte. Anakin wurde trotz seines Alters und seiner Rasse geprüft schon bald als Podrenner-Pilot zugelassen. Und zum großen Schrecken seiner Mutter begann er unter Wattos Förderung Rennen zu fliegen.
Indessen drohte Watto ohne Unterlass damit, weitere Sklaven zu kaufen. Doch Anakin und seine Mutter hatten die Hütte weiterhin für sich allein. Watto gab Shmi sogar einen Aeromagnifier, mit dessen Hilfe sie Computerspeichergeräte reinigen konnte und sich somit ein kleines Einkommen verschaffen. Trotz all dieser Fortschritte gab Anakin seinen Traum nicht auf, irgendwann freizukommen. Er begann darüber nachzudenken, wie er einen Scanner bauen konnte, um den Transmitter in seinem Körper zu lokalisieren, wobei er sich nicht sicher war, wie man einen solchen Sender deaktivieren oder entfernen konnte.
Irgendwann, als er wieder einmal Raumpiloten über ferne Welten reden hörte, wurde er auf die Jedi-Ritter aufmerksam, die mächtigen Friedenswächter der Galaktischen Republik, die Lichtschwerter benutzten: Eine in der Hand gehaltene Waffe, die einen tödlichen, begrenzten Laserstrahl abgab. Trotz des geringen Wissens über die Jedi träumte Anakin manchmal davon, einer zu werden. Er fragte sich, ob irgendein Jedi jemals etwas von Tatooine gehört hatte oder ob irgendeiner von ihnen in Sklaverei geboren worden war.
Im Alter von neun Jahren hatte er sich mit der Tatsache abgefunden, dass er Tatooine in nächster Zeit wohl kaum verlassen würde.
Und doch lag er jeden Abend in der Dunkelheit seines kleinen Zimmers, das mit seinen vielen selbst gebauten Apparaten und wissenschaftlichen Projekten überfüllt war und schwor sich: Ich werde nicht ewig ein Sklave sein.  

Wenn dieser Text auf Deinem Bildschirm grün statt ein sattes gelb hat, ist Dein Bildschirm definitv falsch kalibriert!

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